ZML Didaktik / Innovative Learning Scenarios

Diskussion zu Edusemiotics

Posted on: December 2, 2018

Letzte Woche diskutierten wir das Thema Edusemiotics im ZML-Leseclub und die meisten von uns plagten sich beim Lesen eines sehr geisteswissenschaftlichen Artikels.

edusem

Edusemiotics in a nutshell

Semiotics ist die Wissenschaft der Zeichen. Im Gegensatz zu den Dualismen von Descarte gibt es

in der Semiotics eine Triade, nämlich eine interpretierende Stelle zwischen “Sein” und “Nicht Sein”. Zeichen verändern sich und werden ständig anders interpretiert.

Edusemiotics meint eine ganzheitliche Sicht auf Bildung/ Erziehung/ Unterricht (education), also die Berücksichtigung ethischer Aspekte und körperlicher Wahrnehmung, die Sicht auf Sprache als dynamisches Konstrukt, die Wahrnehmung aller Involvierten als Lernende mit individuellen Erfahrungen und an unterschiedlichen Stationen in ihrem Prozess des Lebenslangen Lernens.

Hintergrund

Ausgangspunkt der Diskussion im ZML-Leseclub war der Blogpost Edusemiotics, the Divided Brain and Connectivism von Jenny Mackness. (Ihr sehr lesenswerter Blog bringt mir oft Anregungen). Hier gab es auch die Literaturhinweise, mit denen wir uns dann auseinandersetzten. 

Eine der Mitstreiterinnen im ZML-Leseclub stellte ihre Assoziationen zu Edusemiotics bereits vor unserer Diskussion online.

Mein Verständnis des Themas

Semiotics kommt aus zwei Disziplinen: der Sprachwissenschaft (Semiology = Auseinandersetzung mit Zeichen und Zeichensysthemen, Ferdinand de Saussure) und der Philosophie (Semiosis = Aktion, Transformation und Evolution von „Zeichen“ in der Welt, also eine dynamische Sicht, Charles Sander Peirce).

Descarte: Dualismen etwa Körper – Seele oder Materie – Geist.

Charles Sander Peirce: Triade, nämlich: etwas ist, etwas ist nicht, und darüber hinaus braucht es einen Prozess der Interpretation – Menschen „stellen fest“, ob ein Zeichen ist oder nicht ist.

Im Herzen von Semiotics: als Menschen interpretieren wir Zeichen.

Semiotics ist die Wissenschaft der Zeichen / Science of signs. Semiotics ist mehr als Semiology.

Human experience is always marked by signs (Deely&Semetsky, 2017, p 208). The whole human experience is an interpretive structure mediated and sustained by signs (Deely, 1990).

Zeichen verbinden sich miteinander, entstehen und verschwinden, transformieren sich in einer Umwelt, die sich kontinuierlich verändert. Sie werden neu und anders interpretiert in einem stetigen Veränderungsprozess. (Semetsky & Stables, 2014, p.10) Siehe auch Parmentier, 2015, p 5.

Semiotics befreit sich vom „Imperialismus“ der Naturwissenschaften mit ihrem positivistischen Ansatz (alles ist überprüfbar).

Ab dem 17. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert: Fragmentierung der Disziplinen, am Ende des 20. Jahrhunderts ändert sich das in Richtung Forschung über die Disziplinen hinweg.

Edusemiotics

Network for Semiotics and Education: Marcel Danesi erfand den Begriff Edusemiotics.

Holistische, also ganzheitliche, Sicht, die folgendes inkludiert:

  • Relational Ethics: ethische Handlung in Beziehungen, wie wir zusammen leben sollten
  • Experience exceeding its private dimension: Erfahrung der Menschen, die über das Private erleben hinaus geht
  • Interpretation, die über Fakten hinaus geht
  • Sprache als dynamisches Konstrukt
  • Embodied cognition: Kognition inkl. körperlicher Wahrnehmung
  • Lebenslange Self-formation

(Deely&Semetsky, 2017, p209)

Folgendes schließt Edusemiotics aus: Fragmentierung, Subjekt/Objekt Dualismus

In Schulen und Hochschulen wird noch nach Themen fragmentiert, während Edusemiotics auf Integration, einen breiten Entwicklungsraum und auf transformative Ausbildung setzt. (Deely&Semetsky, 2017, p 215).

Im Westen wird immer noch zwischen Subjekt und Objekt getrennt, zwischen der Menschheit und der Welt, oder auf soziokultureller Ebene zwischen dem Ich und den anderen. In östlichen Traditionen und Philosophie ist das anders.

Edusemiotics zielt darauf ab, diesen Dualismus in Theorie und Praxis zu überwinden. (Deely&Semetsky, 2017, p 215). „sense of the relational self, in which a generic other is would be integrated“ (Deely&Semetsky, 2017, p 216), also ein Selbst in Beziehung mit dem Anderen.

Siehe auch Harari: Humanism with three branches Liberalism, Socialist Humanism and Evolutionary Humanism. Der Mensch steht im Mittelpunkt – und das ändert sich gerade.

In der semiotischen Welt, die von Zeichen durchdrungen ist, ist der Mensch (human mind) nicht getrennt von der ihn oder sie umgebenden materiellen Welt, sondern in stetiger Interaktion und stetigem Austausch (participation) mit ihr. (Deely&Semetsky, 2017, p 216)

Everything is a sign, still nothing is a sign unless it is interpreted (Deely&Semetsky, 2017, p 216)

Praktische Implikationen von Edusemiotics

Unterrichten und lernen verläuft forschend, ausgehend von Fragen, mit offenem Ende in Bezug auf die Ergebnisse. Dazu braucht es den Change vom Guru zum Coach und die Verwendung alternativer Lernmethoden.
Wissen ist konstruiert durch fortwährende Interaktion mit Zeichen und der Welt – es liegt nicht schon wo und muss nur „gefunden“ werden.

Unterricht kann nicht allgemein gestaltet sein, von einem „Lehrer“ für eine „Schülerin“, sondern es geht um die Beziehung zwischen einer individuellen Lehrerin und einem individuellen Schüler, sie sind voneinander abhängig, interpretieren die Zeichen und arbeiten an einem gemeinsamen Verständnis.

Edusemiotics puscht lebenslanges Lernen, bei dem subjektives Erfahren wichtig ist und das auf einem Reflexionsprozess seiner oder ihrer selbst beruht.

Lehrende brauchen dieses „self-knowledge“. Ohne sich selbst zu kennen, kann man nicht andere kennen, und dies ist nötig für die Beziehung zu den anderen und ist Basis einer „ethics of integration“ (Deely&Semetsky, 2017, p 216).

Edusemiotics verlangt eine breitere Herangehensweise über quantitativ messbare Standards und evidenzbasierte Forschung hinaus.

Referenzen

  • Deely, J., & Semetsky, I. (2017). Semiotics, edusemiotics and the culture of education. Educational Philosophy and Theory49(3), 207–219. http://doi.org/10.1080/00131857.2016.1190265
  • Deely, J. (1990). Basics of semiotics. Bloomington: Indiana University Press.
  • Parmentier, R.J. (2015). Representation, Symbol, and Semiosis: Signs of a Scholarly Collaboration. Signs and Society, 3(1).
  • Semetsky, I., & Stables, A. (2014). Pedagogy and edusemiotics: Theoretical Challenges/Practical Opportunities. Sense Publishers.

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