ZML Didaktik / Innovative Learning Scenarios

Vorbereitung auf ein f2f-Gruppendynamik-Seminar

Posted on: April 1, 2016

Vor dem Start meiner Teilnahme an einem sechstägigen Gruppendynamik-Seminar bei Reinhard Larcher, das f2f stattfindet, möchte ich mich auf das Thema Gruppe einstimmen und meine Erfahrungen und Berührungspunkte mit der Gruppendynamik festhalten.

Ich bin mit Gruppendynamik am intensivsten im Rahmen meiner Tätigkeit als E-Moderatorin konfrontiert.

Meine Online-Lerngruppen sind mir sehr wichtig und ich habe mir in den letzten Jahren ein Repertoire an Interaktionsmöglichkeiten im Umgang mit ihnen erarbeitet. Als Moderatorin bin ich verantwortlich

  • für die Vorbereitung des virtuellen Raums inklusive der Materialien und Aufgabenstellungen/Fragen und
  • für die Begleitung der Gruppe und der einzelnen TeilnehmerInnen in ihren Lernprozessen.

Die Basis für das Lerndesign mit Struktur und Aufgabenstellung ist Gilly Salmon’s Fünf-Stufenmodell für virtuelle Gruppen. Zu Beginn brauchen die TeilnehmerInnen einer Online-Gruppe Zeit im virtuellen Raum anzukommen, sich zu orientieren und sich kennenzulernen (Phasen: Ankommen, Online-Sozialisierung und Informationsaustausch). Aufgabenstellungen für diese Phase sollen leicht sein, zum Schreiben einladen und einen persönlichen Touch haben. Gerne verwende ich in dieser Phase die Frage nach der Motivation der Teilnehmenden, Salmon’s Einladung „aus dem Fenster zu sehen und zu schreiben, was man sieht, hört, …“ und die Aufforderung eine für das inhaltliche Thema passende Kompetenz zu benennen. Salmon’s Struktur für Online-Aufgaben („E-tivities“) mit Ziel, Aufgabe und Reaktion fördert den Austausch in der Gruppe.

Zu Beginn plagen sich die Lernenden

  • mit dem Anspruch kontinuierlich „anwesend zu sein“ und
  • einen Überblick in der Fülle an Diskussionssträngen und Beiträgen zu bewahren.

Sie sind aufgefordert, eine Strategie für ihren Umgang mit den Online-Aufgaben zu entwickeln, die Komponenten des Zeit- und Kommunikations/ Beziehungsmanagements enthält.

Hat sich die Online-Gruppe etabliert, können sich ihre TeilnehmerInnen dem gemeinsamen Wissensaufbau widmen (Phase 4 nach Salmon). Ausgehend von inhaltlichen Fragestellungen bietet sich ihnen die Möglichkeit, die eigenen Antworten mit den Antworten der anderen Lernenden zu vergleichen und daraus gemeinsam etwas Neues zu entwickeln. Besonders gut eignen sich dafür heterogene Gruppen, die etwa aus Personen unterschiedlicher Fachdisziplinen oder  berufsbegleitend Studierenden bestehen. In diesem Prozess besteht die Rolle der Moderatorin darin:

  • zu motivieren (etwa durch wertschätzendes Feedback),
  • zu strukturieren und Wichtiges festzuhalten (etwa in zusammenfassenden Kommentaren oder der Erstellung einer Übersicht über das gepostete Material der Lernenden)
  • sowie ein Monitoring der Aktivitäten durchzuführen und die Beobachtungen den Lernenden zurückzumelden.

Eine für mich wichtige Regel dabei ist, dass die Moderatorin alles lesen muss – was für die Lernenden auf keinen Fall gilt, diese brauchen eher Mut zur Lücke.

Im Moment moderiere ich vier Online-Gruppen und zwar die neunte Gruppe unserer Hochschuldidaktischen Weiterbildung (HDW), zwei Jahrgänge des Master-Studiengangs Content-Strategie (berufsbegleitend) sowie einen Jahrgang des Bachelor Studiengangs Journalismus und PR (Vollzeit). Eine Gruppe betreue ich bereits im 4. Semester, die anderen drei Gruppen sind neu für mich. Die HDW-Gruppe wurde frisch zusammengewürfelt, die Studierendengruppen bestehen bereits länger. Nächste Woche beginnt eine neue Trainingsgruppe zum Thema der „Footprints of emergence“.

Das Thema Gruppendynamik interessiert mich schon lange, gerade auch in Hinblick auf meine Online-Gruppen. Theoretisch setzte ich mich damit in Kooperation mit unserem Studiengang Soziale Arbeit auseinander. Mein Kollege Heinz Baumann und ich entwickelten 2009/10 den dreiwöchigen Online-Kurs „Experiment virtuelle Gruppe“, in dem wir versuchten, Elemente eines gruppendynamischen Seminars in den virtuellen Raum zu bringen. Der Online-Kurs wurde zweimal abgehalten, die Teilnehmenden waren Lehrende aus dem E-Learning Umfeld sowie TherapeutInnen mit Interesse an der virtuellen Gruppe. Aufbauend auf der Erfahrung mit dem „Experiment virtuelle Gruppe“ veränderten Gert Lyon und ich das Kursdesign, nannten den Kurs „E-Sensitivity“ und führten ihn einmal durch.

Für mich gibt es zwei fundamentale Unterschiede zwischen einer realen Gruppe und einer Online-Gruppe.

  • Online ist man nur „sichtbar“, wenn man in irgendeiner Weise aktiv ist, während man im realen Raum auch wahrgenommen wird, wenn man einfach still dasitzt.
  • Als Mitglied einer Online-Gruppe kann man den Laptop zu klappen und damit die Gruppe verlassen. Präsent ist das Verlassen einer Gruppe wesentlich schwerer.

Beide Unterschiede haben Auswirkungen auf mich als Moderatorin von Online-Gruppen.  Einerseits empfinden die Lernenden E-Learning anstrengend, weil sie immer etwas tun müssen – andererseits fallen sie leicht aus der Gruppe heraus.

Trotz Einschränkung meiner Sinne in Online-Kontakten habe ich das Gefühl, die Lernenden und ihre Emotionen gut wahrzunehmen, weil ich sie recht kontinuierlich beobachte und mich jeder Person einzeln widmen kann.

Ich bin nun schon sehr neugierig auf meine Erfahrungen im gruppendynamischen Seminar, das in vier Stunden beginnen wird. Die Möglichkeit des Laptop-Zuklappens werde ich vermutlich vermissen!

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