ZML Didaktik / Innovative Learning Scenarios

Wirklich lernen ?! Vergleich studentischer Lernprozesse mit meinen eigenen Lernprozessen

Posted on: Dezember 8, 2014

In den letzten Wochen beschäftigte mich die Fragen, wann lernen meine Studierenden, wann lerne ich „wirklich“?

Was verstehe ich nun unter „wirklich“ lernen? Ich sage gerne auch „tief“ lernen dazu. Unter „tief“ lernen verstehe ich persönlich den Zustand, wenn ich mich mit einem Thema länger und mit unterschiedlichen Quellen beschäftigt habe, wenn ich in die Materie eingetaucht bin. Dazu gehört auch die theoretische und praktische Behandlung: ich versuche also Modelle zu verstehen und ich wende sie in praktischen Beispielen an. Am Ende dieser Auseinandersetzung mit einem Thema habe ich dann das Gefühl etwas wirklich gelernt zu haben.

1. Mein Lernen im SNA-MOOC

Verstärkt aufgetaucht ist diese Frage in meiner zweiten Woche des Coursera Social Netzwork Analysis (SNA) MOOC – siehe dazu auch meinen Beitrag Learning in one of Coursera’s xMOOCs. Nach einer Woche Video schauen und einem erfolgreichen Test der 1. Woche hatte ich plötzlich das Gefühl rein gar nichts von dem Stoff der ersten Woche verstanden zu haben.

2. Master-Studierende im Online-Lernprozess

Der Frage begegnet bin ich wieder in der zweiten Präsenzwoche von Masterstudierenden im ersten Semester. Nach wochenlangen Online-Phasen, die inhaltlich durch Videokonferenzen aufgelockert werden, interessierte mich, wie „anwesend“ die Studierenden bei diesen Videokonferenzen während der Online-Phasen waren – sie konnten in der Videokonferenz mit Fragen aktiv sein, den Lifestream ansehen, das Video nach der Session ansehen und das Protokoll verfassen bzw. lesen – und wie viel sie davon inhaltlich mitnehmen, also wir „tief“ sie gelernt haben.

Es hat mich beeindruckt und erstaunt, dass die Studierenden meistens mehr als 100% anwesend waren (also z.B. in der Videokonferenz waren und danach das Video angesehen hatten) und es hat mich überrascht, dass trotz dieser hohen „Anwesenheit“ niemand über 80% der Inhalte „mitgenommen“ hat.

3. Anwesend sein

In einem nächsten Schritt versuche ich nun die Daten der Studierenden meinen Lerndaten gegenüber zu stellen:

cos14-und-sna-anwesenheit

In der Grafik links kann man die hohe Anwesenheit der Studierenden ablesen, auch meine „Anwesenheit“ während der SNA-Wochen (rechte Grafik) war mit 60-90% recht hoch. Unter Anwesenheit verstehe ich in Bezug auf meinen Lernprozess die Auseinandersetzung mit den Videos, das Durchspielen der Simulationen, die Verfassung eines Protokolls (nach den 8 Wochen verfüge ich nun über ein 70-seitiges Skriptum zum Thema Social Network Analysis) sowie die Durchführung der Hausübungen und Erreichen von zumindest 80% der Punkte in jeder Woche.

4. Inhaltlich etwas mitnehmen 

Nach der Erhebung der Anwesenheiten fragte ich die Studierenden nach ihrem Bauch/Kopfgefühl, wie viel sie von den Videokonferenzen inhaltlich mitgenommen hätten. Am Ende des SNA-MOOC stellte ich mir dieselbe Frage, wie viel ich von den MOOC-Wochen mitgenommen hätte, wobei ich zwischen drei Zeitpunkten unterschied: meine Wahrnehmung während der 8 Wochen, während des Lernens für die schriftliche Online-Prüfung in Woche 9 und nach der Prüfung am Ende von Woche 9.

cos14-sna-mitgenommen

Wie bereits weiter oben erwähnt, irritierte mich anfänglich, dass die Studierenden angaben, zwischen 50-80% inhaltlich mitgenommen zu haben – nach den unglaublich hohen Anwesenheiten habe ich mir hier mehr erwartet. Mir ist bewusst, dass diese Zahl subjektiv ist und auch der Gruppendynamik unterliegt. Es ging mir auch nicht darum genaue Kriterien festzulegen, um diese Zahl überprüfbarer zu machen, sondern mir war der der subjektive Eindruck wichtig.

Interessant wurde es bei meiner eigenen Reflexion. Während der MOOC lief, hatte ich das Gefühl trotz geringerer Anwesenheit in Vergleich zu den Studierenden, vergleichbar viel an Inhalten mitgenommen zu haben. Während ich dann für die Prüfung lernte, relativierte sich diese Einschätzung rasch, als ich merkte, wie viel ich trotz Auseinandersetzung mit dem Stoff nicht mehr wusste. Nach der Wiederholung und nach vermutlich erfolgreicher Prüfung erhöhte sich dieser Wert wieder ein bisschen.

5. Vorläufiges Fazit

Nach der Beschäftigung mit diesen Daten und den dargelegten Ausführungen frage ich mich, ob das Ergebnis zwischen 50-80% an Inhalten „mitzunehmen“ nicht ein respektables Ergebnis sei.

Allerdings merke ich, dass ich damit in Bezug auf meine SNA-Kenntnisse nicht zufrieden bin, und ich mich über Weihnachten dem praktischen Teil der SNA widmen und versuchen möchte, durch Analyse meiner Social Networks mittels Anwendung unterschiedlicher Modelle ein vertieftes Verständnis des Themas zu generieren. Gelingt das nicht wäre der Besuch eines anderen inhaltich ähnlichen MOOC oder der Besuch des selben MOOC eine weitere Möglichkeit.

In Bezug auf meine Studierende habe ich sie bereits ermutigt ihre 100-prozentige Anwesenheit kritisch zu hinterfragen und Mut zur Lücke aufzuweisen. Und ich überlege, wie ich sie dabei begleiten kann, sich in der ersparten Zeit mit den Inhalten weiter auseinanderzusetzen, um tiefer in die Themen einzutauchen.

 

 

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