ZML Didaktik / Innovative Learning Scenarios

Serres kleine Däumlinge

Posted on: November 10, 2014

Im ZML-Leseclub vom Oktober diskutierten wir den Essay des französischen Philosophen und Wissenschaftstheorethikers Michel Serres: Erfindet euch neu! über die „Däumlinge des Internets“ und die digitale Gesellschaft.

Wir fokussierten auf das erste Kapitel „Die Kleinen Däumlinge“, in denen Serres die Unterschiede zwischen heutigen jungen Menschen und den jungen Menschen vor 50 Jahren darstellt.

Die kleinen Däumlinge

Serres sieht heutige Jugendliche als kleine Däumlinge, die gleichzeitig eine SMS tippen, auf Facebook chatten und Wikipedia konsultieren. Sie sind großteils StadtbewohnerInnen, leben in einer Welt voller Menschen, sind medizinisch gut betreut und haben ein langes Leben vor sich, das sie voraussichtlich mit mehreren PartnerInnen teilen werden.

So viel zum Körper. Wie steht es um die Erkenntnis?

Serres vergleicht den heutigen historischen Umbruch mit dem Buchdruck. Die Medien übernehmen die Erziehung, die jungen Menschen haben sich gut im Virtuellen eingerichtet. Sie verhalten sich anders, kommunizieren anders und leben in einem anderen Raum. Serres lädt sie ein, diese neue Welt zu gestalten.

Das Individuum

Nach Serres zerfallen Zugehörigkeiten (katholisch, jüdisch, muslimisch, mittellos oder vermögend, ländlich oder urban,…) bedingt durch Reisen und das Internet. Junge Menschen von heute wollen ihr Leben individuell gestalten.

Was sollen Lehrende heute wem wie vermitteln?

Waren früher Gelehrte und Professoren eine lebende Bibliothek, ist heute Wissen im Internet für alle verfügbar.  Die Däumlinge, die nicht mehr still sitzen können, sind nach Serres kritisch, gebildet und interessiert. Dieser tiefgreifende Wandel betrifft nicht nur die Lehre, sondern wirkt sich auch auf Arbeit, Unternehmen, Politik, Recht und Gesundheit, etc. aus.

Serres sieht es als Herausforderung für die Jungen, ihr Umfeld zu erneuern und sich neu zu erfinden.

Diskussion

Persönlich finde ich Serres Essay sehr erfrischend und wie er die Art und Weise des Seins der Generation der „Däumlinge“ anerkennt, sympathisch. In unserer Diskussion beurteilten wir den Titel „Erfindet Euch neu!“ polemisch, und wir hielten fest, dass jede Generation den Anspruch hat, sich neu zu verorten.

In Bezug auf unsere Rolle als Lehrende fragten wir, ob und wie wir wissen, was die Studierenden für ihre Lernprozesse brauchen. In die Arbeit von Studiengangs-Entwicklungsteams etwa fließen die Bedürfnisse der Lernenden wenig ein – wir, die „alte“ Generation wissen zu genau, was „sie“ brauchen.

Der Generationenkonflikt wird in unserer Arbeit spürbar. Serres meint, die Jungen haben nicht mehr „den gleichen Kopf“. Sie haben nicht mehr die gleichen Werte und nicht mehr das gleiche Sitzfleisch, meinen wir. Und wir nehmen wahr, dass Diskussionen zur „Disziplinierung“ junger Menschen auftauchen, wie etwa ihnen die Nutzung des Laptops während des Unterrichts zu untersagen.

In ihren individuellen Ansprüchen sind heutige Studierende eine Herausforderung für uns Lehrende. Und auch wenn das ganze „Wissen“ online zur Verfügung steht, wie Serres meint, hinterfragen wir diese Verfügbarkeit von „Wissen“ – oder doch nur von „Informationen“?

In jedem Fall sind wir vier bereit Lernszenarien, Inhalte und Ziele mit unseren Studierenden zu verhandeln, um ihnen Mitgestaltungsrechte einzuräumen und unsere Lehre etwas an ihre Bedürfnisse anzupassen.

 

 

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