ZML Didaktik / Innovative Learning Scenarios

Diskussion zur Complexity Theory

Posted on: August 11, 2014

Bereits am 27.5.2014 begannen Gudrun, Natasa und ich Aspekte rund um unseren Lesestoff von David J. Snowden  und Mary E. Bone sowie Paul Cilliers zur Complexity  Theory zu diskutieren (Link zu den Publikationen siehe Seitenende).

Natasa stellte gleich eine Verbindung zu unserer  Identität her: wie wir  Wissenschaft, unsere Arbeit, unser Leben „sehen“ – also einfach, kompliziert, komplex oder chaotisch – hängt mit uns und unserer Identität  zusammen. Von unserem Hintergrund her haben wir unterschiedliche Zugänge zur Komplexität, Gudrun als Sprachwissenschafterin, Natasa als Psychologin, ich als Physikerin. Die Arbeit am ZML braucht eine interdisziplinäre Herangehensweise, gerade im Austausch mit den Lehrenden als unterschiedlichen Fachdisziplinen. Auf diese Weise wollen wir Komplexität zulassen, in der Hochschuldidaktischen Weiterbildung genau so wie im cope14-MOOC.

Am 9.7.2014 wurde unsere Runde durch Sylvia vergrößert, die als Erwachsenenbildnerin einen wissenschaftstheoretischen Ansatz in unsere Diskussion brachte. Basierend auf  dem von mir geäußerten Unbehagen, dass mathematisch klar definierbare chaotische Systeme in anderen  Wissenschaftsbereiche, etwa der Wirtschaft, viel weniger  klar definiert verwendet werden, legten wir drei Levels fest:

  • Metatheorien, die unabhängig sind von einer einzelnen Fachdisziplin und dadurch in mehreren Fachdisziplinen wirksam werden können,
  • Fachtheorien, Profession / Objekt / lokale Themen sowie
  • Handlungsebene und Alltagsverständnis: interdisziplinär und komplex!

Man könnte also sagen, dass die Chaostheorie als Fachtheorie Bausteine für eine Metatheorie enthält, die von anderen Fachdisziplinen, z.B. der Wirtschaft, für ihre eigenen Zwecke verändert werden können. Interessant fand ich, dass wir in unserem Austausch feststellten, dass Disziplinen wie Pädagogik oder Psychologie keine „Bausteine für Metatheorien“ liefern. Ich bin mir unsicher, ob  das stimmt.

Dann widmeten wir uns der Diskussion komplexer Systeme. Paul Cilliers‘ Artikel zählt einige Charakteristika von komplexen Systemen auf (S. 257):

  • Komplexe Systeme sind offen, sie befinden sich nicht im Gleichgewicht.
  • Sie bestehen aus vielen Komponenten.
  • Es gibt eine Vergangenheit – Zukunft – Beziehung: der „Output“ einzelner Komponenten hängt von ihrem Input ab, einige dieser Input-Output-Beziehungen sind nicht linear.
  • Die Komponenten reagieren miteinander, dabei gibt es unterschiedliche Reaktionswege.
  • Das Verhalten komplexer Systeme resultiert aus der Interaktion ihrer Komponenten, und nicht aus Eigenschaften der Komponenten selbst – das nennt man manchmal „emergence“.
  • Asymmetrische Strukturen entstehen durch interne dynamische Prozesse komplexer Systeme.
  • Mehr als eine Beschreibung eines komplexen Systems sind möglich.

Die für emergent learning so wichtige Balanz zwischen Offenheit und Struktur ist auch für komplexe Systeme gültig: Cillier schreibt: Die Struktur eines komplexen Systems ermöglicht sein komplexes Verhalten. Ein komplexes System muss beschränkt sein und darf nicht zu viele Freiheitsgrade haben. Sonst verhält es sich beliebig (S. 258).

Wir „kennen“ ein komplexes System nur im Rahmen eines bestimmten Ordnungssystems, das wir selbst gewählt haben. Unser Wissen über ein komplexes System ist immer provisorisch.(S. 259). Wir können komplexe „Dinge“ nicht komplex verstehen (S. 263).

Gudrun meine, unsere Lernkultur, unser Bewusstsein ist so ein Ordnungssystem, mit dem wir auf einen komplexen Sachverhalt blicken. Wir müssen uns entscheiden, was wir betrachten und was nicht.

Die Footprints of emergence machen Komplexität sichtbar, meinen wir – wobei sie eine Momentaufnahme sind.

In der Spannung zwischen Offenheit und vorgeschriebenem System, wo im Zwischenraum emergent learning möglich wird, sehen wir unseren Spielraum für didaktische Gestaltung.

Lesestoff:

  • David J. Snowden und Mary E. Boone “A Leader’s Framework for Decision Making“, Harvard Business Review
  • Cilliers, P. (2005). Complexity, deconstruction and relativism. Theory, Culture and Society, 22(5), 255-267.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: