ZML Didaktik / Innovative Learning Scenarios

Footprint-Workshop auf der GMW13 – Diskussion der Faktoren

Posted on: September 3, 2013

Als Vorbereitung auf den morgigen Workshop möchte ich meine Wahrnehmung der Faktoren und Cluster der Footprint-Methode schärfen – Footprints sind eine intuitive Methode zur Reflexion von Lerndesigns und Lernprozessen hinsichtlich „emergent learning“, siehe auch die Fooprint-Seite auf diesem Blog bzw. Williams Roy T. Mackness Jenny & Gumtau Simone (2012) Footprints of Emergence

Ich verwende die Footprints seit Herbst 2012 und sie sind mir in diesem Jahr ein wertvolles Instrument der Reflexion geworden, sowohl des Designs der von mir entwickelten Lernszenarien, als auch meiner eigenen Lernprozesse in von mir besuchten Weiterbildungen (etwa MOOCs).

Offenheit versus Struktur

Wenn ich einen Footprint mache, beginne ich mit dem Cluster Offenheit versus Struktur, weil dieser Cluster mir eine weite Sicht auf ein Lernszenario gibt. Hier untersuche ich, inwieweit das Lerndesign offen oder festgesetzt ist – es geht um die kreative Spannung zwischen Offenheit und Struktur.

Werte für die Faktoren: 1-10 vorgeschriebenes Lerndesign – 11-16 sweet emergence – 17-22 medium emergence – 23-28 sharp emergence – 29-30 Rand des Chaos > 30 im Chaos

Der Cluster beinhaltet folgende sieben Faktoren:

  • Fehler, Risiko – Risk: Ein geringer Wert für diesen Faktor meint, dass es für die Lernenden wenig Risiko gibt zu scheitern (d.h. vieles ist möglichst eng und vorgegeben). Ein mittlerer Wert meint, dass Fehler willkommen sind und die Lernenden sich anhand von Fehlern weiterentwickeln können. Ein hoher Wert meint ein hohes Risiko zu scheitern, der Lernraum ist zu offen, die Lernenden schaffen es nicht mehr aus ihren Fehlern zu lernen.
  • Abgrenzungen / Schwellen (Liminal spaces) – Lim: Mit dem Verständnis dieses Faktors habe ich mich zuerst geplagt, in Diskussion vor allem mit Jenny Mackness wurde mir seine Bedeutung klarer. Es geht um die Abgrenzung des Lernraums meiner Lehrveranstaltung, meines Trainings zu anderen Räumen. Dieser Faktor untersucht, inwieweit Wissen, Ideen, .. auch aus anderen Lernerfahrungen in den untersuchten Lernraum „schwappen“ dürfen, der untersuchte Lernraum sich auch verändern darf, oder eben nicht. Wieder beschreibt ein kleiner Wert einen eher geschlossenen Lernraum, ein hoher Wert einen veränderbaren Raum (transformative).
  • Zweideutigkeit (Ambiguity) – Amb: Ist das Lernszenario bekannt, klar (established) (kleiner Wert) oder offen für Interpretation (höherer Wert)?
  • Ergebnisvorgaben (Unpredictable outcomes) – UnO: Sind die Ergebnisse vorgegeben oder sind auch unvorhergesehene, überraschende Ergebnisse möglich und erwünscht?
  • Störung (Disruption) – Dis: Inwieweit erzeugt eine Störung Abwehr, gibt es Schutzmechanismen gegen die Störung (geringer Wert) – oder ist die Störung willkommen und führt auch zu einer neuen Sicht, ermöglicht Veränderung?
  • Selbstkorrektur (Self-correction) – S/C: Ist die Selbstkorrektur hierarchisch (obliegt der Lehrenden) (niedriger Wert) oder ist erwünscht, dass die Lernenden selbstkorrigierend handeln?
  • Anzahl der Lernpfade (Multipath) – Mp: Ist der Lernpfad eng und strikt vorgegeben (kleiner Wert) oder gibt es viele Pfade mit zeitlicher Auswahlmöglichkeit?

Interaktive Lernumgebung

Im Cluster Interaktive Lernumgebung gehe ich dann in der Analyse mehr ins Detail, untersuche  mein Szenario oder meine Lernerfahrung anhand von weiteren sieben Faktoren genauer.

  • Vielfalt (Diversity) – Div: Ist die Umgebung homogen und standardisiert (kleiner Wert) oder gibt es vielfältige Ressourcen, Beteiligte und Perspektiven?
  • Erlebnis / Erfahrung (Experiential) – Exp: Müssen objektive, abstrakte Prozeduren abgearbeitet werden (kleiner Wert) oder können sich die Lernenden engagieren, Erfahrungen sammeln?
  • Umgebung passt sich an (Adaptiv) – Adap: Handelt es sich um eine starre, fixierte Umgebung (kleiner Wert) oder ist sie veränderbar und passt sich an?
  • (Mit)Entwicklung (Co-Evolution) – Co-Ev: Können die Lernenden die Lernumgebung mitentwickeln (höherer Wert) oder ist sie hierarchisch und starr.
  • Im Netzwerk zusammenarbeiten (Frequent Interaction and Networking) – FIN: Ist der Lernraum geschlossen (kleiner Wert) oder ermöglicht er breites, offenes, häufiges Netzwerken?
  • Vertrauen – Trust: Fördert der Raum kompetitives Selbstinteresse (kleiner Wert) oder entsteht gegenseitiger Respekt und gemeinsames Wachstum?
  • Bewusstsein / Einstellung (Theory of Mind) – ToM: Interagieren die Lernenden mit Objekten (kleiner Wert) oder wird die Auseinandersetzung mit den Gedanken (minds) der anderen gefördert?

Raum für persönliche Entwicklung (agency)

Während die ersten beiden Cluster die Beschäftigung mit dem Lernraum fördern, stehen im Folgenden die Lernenden im Fokus der Untersuchung – d.h. es darum, was ich als Designerin mit dem Lernraum bezwecke (meine Absicht) oder wie ich mich als Lernende in dem vorgegebenen Raum verhalte.

  • Modalität (Cross-modal, multi-modal) – XM: Die Lernenden betätigen sich mono-modal (kleiner Wert) oder zeigen ein ganzheitliches Engagement, wobei eventuell mehrere Sinne beteiligt sind.
  • Offene Anforderungen (Open Affordances) – OAff: Die Lernenden arbeiten folgsam Aufgaben ab (compliance), um vorbestimmte Ergebnisse zu produzieren (kleiner Wert) versus die Lernenden engagieren sich und handeln kreativ und innovativ.
  • Selbstorganisation (Self-organisation) – SOrg: Selbstorganisation ist willkommen (höherer Wert) oder nicht willkommen.
  • Autonomie (Autonomy) – A: Die Lernenden arbeiten nach vorgegebener Agenda (kleinerer Wert) oder nach eigener Agenda.
  • Verhandelbarkeit von Ergebnissen (Negotiated outcomes) – NegO: Fügsam wird Vorgegebenes abgearbeitet (kleiner Wert) oder die Lernenden legen ihre eigenen Ziele und Erfolgskriterien fest.
  • Identität (Identity) – ID: Vorgegebene Rollen müssen eingenommen werden (kleiner Wert) oder die Lernenden entwickeln eigene Fähigkeiten und Rollen.

Eigener Stil, Selbstpräsenz

Dieser Cluster mit seinen fünf Faktoren stellt sich für mich als schwierigster Cluster da. Mein (intuitives) Verständnis der Faktoren ist hier am wenigsten ausgeprägt. Es geht darum, wie die Lernenden sich und ihre Ideen und Gefühle präsentieren und ausdrücken, mittels unterschiedlicher Medien, in Gesprächen und Interaktion sowie im formalen Schreiben.

  • Alleine arbeiten, Einkehr (Solitude and contemplation) – S&C: Sind die Lernenden isoliert in eigenen „Hallräumen“ (geringer Wert) oder gibt es Raum für das Ausloten von Ideen und Interaktion?
  • Gespräche (Casual encounters/conversations) – CC: Sind Treffen mit anderen stark formalisiert (geringer Wert) oder sind zufällige Treffen (serendipity) leicht möglich?
  • Zusammenarbeit / Treffen (Networks encounters, engagment) – Net: Ist die Zusammenarbeit institutionalisiert und formalisiert (kleiner Wert) oder engagieren sich die Lernenden in unterschiedlichen Netzen und Communities?
  • Multimedia / Medienvielfalt (Hybrids, informal/ante-formal) – Hyb: Sind nur einförmige, monomediale, anstrakte Interaktionen möglich (kleiner Wert) oder wählen die Lernenden Stil und Medien selbst?
  • Informalität (In/formal writing and inscriptions) – InF: Sind die Interaktionen ritualisiert (kleiner Wert) oder sind informelle, flexible, leichte Interaktionen möglich?

Im Lauf der Erstellung vieler Footprints – als Reflexion meiner eigenen Lernprozesse im Rahmen der Teilnahme an MOOCs und Etienne Wenger’s Betreat, als Analyse der von mir entwickelten didaktischen Szenarien in Lehre und Training, als Unterstützung in der Vorbereitung von Workshops – hat sich meine Wahrnehmung der Cluster und Faktoren konsolidiert. Ich habe gelernt Footprints zu lesen und meine Schlüsse aus ihnen zu ziehen. In der Interpretation von Footprints sind die Ausreißer (also Faktoren mit besonders hohen oder niedrigen Werte)  besonders interessant, jedoch auch der Footprint als Ganzes in seiner grafischen Darstellung hat Aussagekraft.

Spannend finde ich die Diskussion über Footprints und ihre Interpretation – darum freue ich mich schon auf den Austausch beim morgigen Workshop auf der GMW2013, den ich mit meinen Kolleginnen Gudrun Reimerth und Erika Pernold gestalten werde.

Zum Abschluss ein Footprint meiner Lernerfahrung beim Mooc Maker Course 2013.

mmc13-footprint

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