ZML Didaktik / Innovative Learning Scenarios

Im ZML-Leseclub vom Oktober diskutierten wir den Essay des französischen Philosophen und Wissenschaftstheorethikers Michel Serres: Erfindet euch neu! über die “Däumlinge des Internets” und die digitale Gesellschaft.

Wir fokussierten auf das erste Kapitel “Die Kleinen Däumlinge”, in denen Serres die Unterschiede zwischen heutigen jungen Menschen und den jungen Menschen vor 50 Jahren darstellt.

Die kleinen Däumlinge

Serres sieht heutige Jugendliche als kleine Däumlinge, die gleichzeitig eine SMS tippen, auf Facebook chatten und Wikipedia konsultieren. Sie sind großteils StadtbewohnerInnen, leben in einer Welt voller Menschen, sind medizinisch gut betreut und haben ein langes Leben vor sich, das sie voraussichtlich mit mehreren PartnerInnen teilen werden.

So viel zum Körper. Wie steht es um die Erkenntnis?

Serres vergleicht den heutigen historischen Umbruch mit dem Buchdruck. Die Medien übernehmen die Erziehung, die jungen Menschen haben sich gut im Virtuellen eingerichtet. Sie verhalten sich anders, kommunizieren anders und leben in einem anderen Raum. Serres lädt sie ein, diese neue Welt zu gestalten.

Das Individuum

Nach Serres zerfallen Zugehörigkeiten (katholisch, jüdisch, muslimisch, mittellos oder vermögend, ländlich oder urban,…) bedingt durch Reisen und das Internet. Junge Menschen von heute wollen ihr Leben individuell gestalten.

Was sollen Lehrende heute wem wie vermitteln?

Waren früher Gelehrte und Professoren eine lebende Bibliothek, ist heute Wissen im Internet für alle verfügbar.  Die Däumlinge, die nicht mehr still sitzen können, sind nach Serres kritisch, gebildet und interessiert. Dieser tiefgreifende Wandel betrifft nicht nur die Lehre, sondern wirkt sich auch auf Arbeit, Unternehmen, Politik, Recht und Gesundheit, etc. aus.

Serres sieht es als Herausforderung für die Jungen, ihr Umfeld zu erneuern und sich neu zu erfinden.

Diskussion

Persönlich finde ich Serres Essay sehr erfrischend und wie er die Art und Weise des Seins der Generation der “Däumlinge” anerkennt, sympathisch. In unserer Diskussion beurteilten wir den Titel “Erfindet Euch neu!” polemisch, und wir hielten fest, dass jede Generation den Anspruch hat, sich neu zu verorten.

In Bezug auf unsere Rolle als Lehrende fragten wir, ob und wie wir wissen, was die Studierenden für ihre Lernprozesse brauchen. In die Arbeit von Studiengangs-Entwicklungsteams etwa fließen die Bedürfnisse der Lernenden wenig ein – wir, die “alte” Generation wissen zu genau, was “sie” brauchen.

Der Generationenkonflikt wird in unserer Arbeit spürbar. Serres meint, die Jungen haben nicht mehr “den gleichen Kopf”. Sie haben nicht mehr die gleichen Werte und nicht mehr das gleiche Sitzfleisch, meinen wir. Und wir nehmen wahr, dass Diskussionen zur “Disziplinierung” junger Menschen auftauchen, wie etwa ihnen die Nutzung des Laptops während des Unterrichts zu untersagen.

In ihren individuellen Ansprüchen sind heutige Studierende eine Herausforderung für uns Lehrende. Und auch wenn das ganze “Wissen” online zur Verfügung steht, wie Serres meint, hinterfragen wir diese Verfügbarkeit von “Wissen” – oder doch nur von “Informationen”?

In jedem Fall sind wir vier bereit Lernszenarien, Inhalte und Ziele mit unseren Studierenden zu verhandeln, um ihnen Mitgestaltungsrechte einzuräumen und unsere Lehre etwas an ihre Bedürfnisse anzupassen.

 

 

Es geht weiter mit dem Thema „Komplexe Systeme“. Unser Lesestoff, vorgeschlagen von Sylvia,  war diesmal aus dem Handbuch „Angewandte Psychologie für Führungskräfte“ Kapitel 2 „Organisationsverständnis” von Thomas Steiger. In diesem Kapitel schreibt Steiger über 2.1 Historische Entwicklung der Organisationsbetrachtung, 2.2 Traditionelles Organisationsverständnis, 2.3 Organisation als komplexes System und 2.4 Organisation als soziotechnisches System.

Nach dem traditionellen Verständnis ist eine Organisation ein hierarchisches System, mit Abgrenzungen zwischen den Abteilungen und Spezialisierung statt Vernetzung (S 21). In Abgrenzung zu komplizierten Systemen, die zwar schwer zu verstehen sind, jedoch auf eindeutigen Gesetzmäßigkeiten beruhen (S 22), sind soziale Systeme komplex und dynamisch. Komplex meint, dass eine Wechselwirkung zwischen Menschen und Organisation Veränderungen bewirkt und darüber hinaus die Umwelten auf dieses Verhältnis einwirken (Systemsicht). Das bedeutet, dass komplexe Systeme vernetzt und intransparent sind und ihr Verhalten nicht vorhergesagt werden kann.

In heutigen Organisationen kommt es zu einer symbiotischen Verknüpfung von sozialen und technischen Systemen, es entstehen sogenannte „soziotechnische Systeme“ (S 24). Die Systemidentität einer Organisation wird durch das „Hauptgeschäft“ definiert, die Selbstorganisation und Selbstgestaltung (Autopoiese) fördern die Weiterentwicklung des soziotechnischen Systems. In solchen Systemen lassen sich Ursache und Wirkung nicht klar trennen, Aufgabe, Struktur und Kultur sind eng miteinanderverbunden.

In unserer Diskussion legten wir diese Modelle über unsere Hochschule, ihre Studiengänge und Institute sowie die Lehrsituation.

Systemische Sicht  auf Lehre

Systemisch Sicht auf Lehre

Lehrende und Studierende müssen die Lehr/Lernorganisation „verhandeln“, um ein System zu entwickeln, welches passend ist (Gudrun). In dieser Verhandlung geht es um den Abgleich der Wahrnehmungen, geht es darum, Unsicherheiten zu überwinden (unfreeze), eine neue Herangehensweise zu üben (change) und darin sicher zu werden (refreeze) (3 Phasenmodell Kurt Lewin mit Sicht auf soziale Systeme).  Das 3 Phasenmodell erinnert auch an unsere Diskussion zu Threshold concepts and transformational learning mit den Phasen preliminal, liminal und post liminal – mit Sicht auf Lernende. Unterschiedliche Studierende machen diese einzelnen Schritte unterschiedlich schnell, in dem Zusammenhang diskutierten wir die Dimensionen „Drinnen / Draußen“ der Gruppendynamik.

Persönlich merke ich allerdings, dass ich eine wirtschaftliche Sicht auf Lernprozesse nicht besonders mag und mich dieser Artikel ein bisschen in den Widerstand geführt hat.

In ihrem Blogpost schreibt Natasa über ihr Verständnis von Organisationen und über unser Septembertreffen im ZML-Leseclub

Steiger, T. (2013). Organisationsverständnis, in Steiger, T. und Lippmann. E. (Hrsg.), Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte,. DOI 10.1007/978-3-642-34357-5_2, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg

Jürgen Handke, Universität Marburg, (Autor von Patient Hochschullehre) spricht beim 3. Tag der Lehre der FH St. Pölten über “Digitalisierung der Hochschullehre – welche Rolle spielt das Inverted Classroom Model dabei?”

Die Hochschulwelt nach Jürgen Handke ist heute geprägt durch:

  • Studierende mit Medien-“bedien”-kompetenz
  • anderer Alltag der Lehrenden (nützen des Web)

Probleme mit der Hochschullehre: Uni-Lehrende haben zu wenig Zeit für die Lehre – und es gibt keine systematische Ausbildung für die Hochschullehre. Durch Digitalisierung können viele dieser Probleme gelöst werden, meint Jürgen Handke.

Was heißt Digitalisierung nun? Oft treibt die Technology die Didaktik. Doch Digitalisierung heißt nicht pdf, prezi oder online-Tests.

Digitalisierung meint:

  • Videos für die Lehre, jedoch nicht Aufnahmen von Lehrveranstaltungen oder Dokumentarfilmen, sondern kurze oder längere Lehrvideos, die selbst erstellt werden und nicht perfekt sind. Jedoch: “learning is not just videos”
  • Remix von digitalen Elementen von anderen

Konsequenz: für den guten Einsatz der Lehrvideos braucht es eine neue Präsenzlehre!

  • Option 1: alles ist online, keine Präsenzphase mehr
  • Option 2: wir unterrichten wie immer, die Studierenden die Online-Materialien beschäftigen sich vorab mit den Online-Materialien
  • Option 3: Videoconferencing für berufsbegleitende Studierende

Alle 3 Optionen gaben keinen signifikanten Mehrwert.

2007: Umdrehen des Lehrformats an Uni Marburg
Inverting the Classroom Maureen J. Lage, Glenn J. Platt & Michael Treglia (2000)
Flipped classroom Jonathan Bergman, Aaron Sams (2012)

Umsetzung des Inverted Classroom

  • Phase 1: digitale Lerneinheit, schließt mit Online-Test ab (Tests können mehrmals gemacht werden)
  • Phase 2: vorher sehen Lehrende, wie viele Studierende die “Mastery” bewältigt haben (positiver Test)
    From sage on the stage to guide on the side (Alison King)

Studierende bringen eigene Devices, Clickersystem (Verständnisfragen zum Anfang), interaktives Whiteboard zur Ergebnissicherung, TutorInnen

Für Lehrende: Lehreffizienz, Lehre ist durch den persönlichen Kontakt mit einzelnen Studierenden ist befriedigend

Studierende begrüßen diesen Zugang, sie investieren mehr Zeit und lernen mehr.

Ein MOOC ist ein funktionierendes Inverted Classroom Modell.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Online-Lerngruppen. In Weiterbildungen und Lehrveranstaltungen betreue ich SchulungsteilnehmerInnen oder Studierende, die online miteinander lernen und sich entweder niemals, oder ca. monatlich oder auch recht kontinuierlich face-to-face treffen.

Modell von Gilly Salmon

Ich habe die Moderation von Online-Gruppen bei Gilly Salmon gelernt – online natürlich. Doch da gab es auch ihr Buch „E-tivities“, in dem sie Online-Moderationsprozesse so spannend beschreibt, dass ich mich eine halb Nacht lang nicht losreißen konnte.

Nach Gilly Salmon durchläuft eine Online-Gruppe die fünf Phasen „Zugang und Motivation“, „Online-Sozialisierung“, „Informationsaustausch“, „Wissenskonstruktion“ und „Selbstorganisation“. Diese Phasen begleitet die Moderatorin durch kleine Online-Aufgaben, sogenannte „E-tivities“, die das Ziel der Aufgabe, die Beschreibung der Aufgabe und eine Aufforderung zur Interaktion enthalten.

Roy Williams’ Empfehlungen für Online-Gruppen

Roy Williams postete vor kurzem auf Twitter, dass es für die erfolgreiche Etablierung einer Online-Gruppe “comfort, fun, trust, engagement” (@dustcube) braucht. In der Vorbereitung möchte ich eine Lernumgebung schaffen, die gemeinsame Lernprozesse unterstützt und auch etwas Komfort – Gemütlichkeit, Wohlbefinden – bietet. Diese Herausforderung kann nicht auf technischem Wege gelöst werden, glaube ich – da habe ich zu viele Projekte gesehen, die sich um die perfekte Lernumgebung bemüht haben und schon lange nicht mehr im Einsatz sind. Unter Komfort verstehe ich eine Kombination aus möglichst klaren Strukturen, persönlichen Elementen (etwa Bildern oder Videos) und die Bereitschaft diese Umgebung in kleinen Schritten gemeinsam mit den Lernenden weiterzuentwickeln (Co-Evolution).

Verführung der LernerInnen

Meine eher leichten, breiter gefassten Aufgabenstellungen zu Beginn sollen den Lernenden den Einstieg angenehm machen, sie motivieren „einfach loszuschreiben“, auch einmal etwas Persönliches von sich zu erzählen und sich kennenzulernen. Ich möchte die LernerInnen zum Online-Austausch „verführen“. Unterschiedliche Menschen tun sich unterschiedlich leicht, online zu schreiben. Wer zu hohe Qualitätsansprüche an eigene Statements hat, oder nicht daran gewöhnt ist online zu schreiben, plagt sich in dieser ersten Phase. Aufgabe der Moderatorin ist es dann, auch diese Lernenden ins Boot zu holen, sie zu motivieren.

Vertrauen

Spaß und Vertrauen sind gerade in den ersten beiden Phasen der Bildung einer Online-Gruppe wichtig. Auch in Etienne Wenger’s „Communities of pratice“ spielt das gegenseitige Vertrauen eine große Rolle. Gemeinsames Lernen ist dann möglich, wenn man sich aufeinander verlassen kann, „dumme“ Fragen stellen und Fehler machen darf, wenn man sich gegenseitig unterstützt. Für die Phase der Vertrauensbildung ist eine geschützte Online-Umgebung besser geeignet als ein offener Raum. Doch auch in offenen Lernumgebungen ist es für einige möglich miteinander vertraut zu werden, wie es uns einige LernerInnen des cope14-MOOC (massive open online course) in ihrer Reflexion berichteten.

Ausblick

Soweit meine Gedanken zum Beginn einer Online-Lerngemeinschaft. In den nächsten Wochen werde ich vier Gruppen dabei begleiten, sich online als Lerngruppe zu etablieren. Meine Reflexion über dieses Vorhaben mündete in diesem Text.

Ich plane zwei weitere Posts zu diesem Thema zu verfassen: einen zum Wachstum der Gruppe (Phase 3 und 4 nach Gilly Salmon) und einen zum Monitoring und Beurteilen von Gruppenprozessen, was wir Hochschullehrende ja auch tun müssen.

cc

Unser 13. E-Learning Tag am 17. September 2014 hinterlässt mich ganz erfüllt von vielfältigen Eindrücken und mit neuen Ideen. Ich habe die Keynote von Jenny Mackness und Roy Williams sehr geschätzt – zwar waren mir die Inhalte doch recht vertraut, von meiner eigenen Beschäftigung mit den Footprints of Emergence, von vielen Diskussion mit Jenny, manchmal auch mit Roy, vom Lesen des Beitrags zum Tagungsband – doch die vielen Bilder haben mich immer wieder verlockt weiter zu denken.

Jenny und Roy haben ein tiefes Verständnis von offenen Lernszenarien. Ich muss oft lachen, wenn Jennys Haare zu Berge stehen, weil von ihr als Lernerin in einem Online-Lernszenario erwartet wird in einer bestimmten Quantität beizutragen. Wie sehr ich meine Studies zwinge in Twitter aktiv zu sein, habe ich mich noch getraut ihr zu gestehen …

Eine offene Herangehensweise habe ich besonders bei zwei weiteren Beiträgen am E-Learning Tag wahrgenommen:

Denny und Rainer ließen uns an ihrer Reise nach Stockholm teilnehmen und diskutierten das Spannungsfeld “Offenheit / Struktur” aus einer ganz anderen Perspektive. Wie viel Planung braucht Reisen / Lernen, was versäumt man durch Über-Planung oder gar keine Planung? Möchte ich alleine reisen / lernen oder mit anderen? Diese Fragen beschäftigen mich noch!

Und Kurt, der seine Präsentation mutig mit einem Stück auf der Mundharmonika begann, lud seine Studierenden ein, sich außerhalb der Lehrveranstaltung und freiwillig auf ein mehrwöchiges Lernexperiment einzulassen. Er fand Studierende, die sich trauten, Mundharmonika spielen zu lernen und ihre Lernprozesse zu reflektieren, was mich beeindruckte.

In dem Footprint-Workshop, das Jenny und ich anboten, reflektierten einige TeilnehmerInnen den E-Learning Tag mit einem Footprint. Da bin ich natürlich dazu verführt ihre Reflexion in Bezug zu meinem Design-Footprint (siehe meinen vorbereitenden Post) zu setzen.

footprints-elt14

Der blaue Footprint links oben ist mein Design-Footprint, die grauen Footprints visualisieren die Reflexionen der TeilnehmerInnen. Wieder einmal belegen die grauen Footprints wie unterschiedlich LernerInnen “gestrickt” sind.

Im Cluster “Ageny” / “Persönliche Weiterentwicklung” sind die Faktoren Autonomie (A) und Selbstorganisation (SO) im Design (blauer Footprint) nahe der vorgeschriebenen Zone. Ich dachte, durch das Programm und die face-to-face Veranstaltung haben die TeilnehmerInnen nicht besonders viel Autonomie. Der Footprint oben, Mitte zeigt eine ähnliche Einschätzung, während die Footprints rechs außen und links unten größere Freiheiten /Herausforderungen abbilden.

Insgesamt freue ich mich, dass sich viele Faktoren im Bereich der sweet emergence (weißer Bereich) finden und niemand ins Chaos gestürzt ist :-)

Auch im kommenden Jahr werden die Footprints meine Arbeit als Lehrende, Trainerin und Lernende begleiten. Zudem freue ich mich, dass ich einige Menschen, die die Footprints neugierig gemacht haben, bei ihrer Anwendung der Footprints begleiten darf.

 

In zwei Tagen findet unser mittlerweile 13. E-Learning statt, der heuer um die Evaluieurung offener Lernszenarien kreist. Prominent dabei sind die “Footprints of emergence” von Jenny Mackness und Roy Williams. In fünf Blogposts bereitet Jenny die Keynote vor:

  1. Evaluation of Open Learning Scenarios – Jennys erstes Post eröffnet die Reihe, Jenny bietet ihre Posts als “advanced organizers” an, also für die Vor- oder Nachbereitung der Tagung.
  2. Characteristics of Open Learning Environments – im zweiten Post geht sie näher auf die Footprints of emergence ein
  3. Emergent Learning in Open Environments – hier setzt sich Jenny mit dem Hintergrund der Footprints, mit “emergent learning” auseinander
  4. Theoretical influences on the characteristics of open learning environments – in diesem Post setzt  Jenny ihre persönlichen Lernerfahrungen während ihres Berufslebens in Bezug zu den Faktoren der Footprints of Emergence und den dahinter liegenden Lerntheorien
  5. Future directions for  the  Footprints of Emergence framework – hier hofft Jenny durch ein Online-Tool die Anwendung der Footprints of Emergence zu erleichtern und dadurch tiefer in die Reflexion offener Lernszenarien  einzusteigen.

Mich fasziniert der Hintergrund der Footprints (daher lesen wir seit vielen Monaten in unserem ZML-Lesekreis rund um die Lerntheorien hinter den Footprints) und in Jennys viertem Blogpost regte mich ihre Tabelle “links between significant prior learning events in my career and the associated theorists and theories” zum Nachdenken an. Meine bisherigen Lernwege anhand der Footprints zu reflektieren, wäre eine große Herausforderung!

Mit der im 5. Post angekündigten neuen Software, die noch im Experimentierstadium ist, evaluierte  ich das Design des heurigen E-Learning Tages.

Design ELT14 (JP)

Wie man leicht sehen kann, befinden sich praktisch alle Faktoren im Bereich des Emergent Learning (Raum zwischen den beiden strichlierten Linien).

  • Unsere Tagung ist nicht experimentell (Exp) und auch nicht adaptiv (Adap) – wir hoffen, das Programm so abzuwickeln, wie es geplant ist (Faktoren rechts oben, Cluster Interactive Environment). Ich erwarte, dass die TeilnehmerInnen durch Interaktion und Austausch (FIN) gefordert  sein werden.
  • Im Bereich des Clusters “Persönliches Wachstum” (rechts unten) sind Selbstorganisation (SO) und Autonomie (A) im vorgeschriebenen Bereich (der E-Learning Tag ist eine klassische Tagung mit vielleicht ein bisschen längeren Pausen). Doch Open Affordances (OAff)  (was kann da alles passieren am E-Learning Tag) und Negotiated Outcomes (NO) (was nehmen die TeilnehmerInnen mit, insbes. wenn sie zu den  Workshops kommen?) stellen durch einen eher hohen Wert eine gewisse Herausforderung dar.
  • Faktoren mit großen Werten sind im Weiteren Networking (Net, Cluster Eigener Stil, Selbstpräsenz, Schreiben) sowie Liminal Space (Lim) und Unexpected Outcomes (beide Cluster Offenheit / Struktur).

Am E-Learning Tag  werde ich Jenny Mackness das erste Mal persönlich und face-to-face treffen. Ich werde ihr meinen Footprint zeigen, sie wird lächeln und meinen, dass die TeilnehmerInnen während ihres Lernens auf der Konferenz recht oft in ihrer Komfortzone bleiben können.

Bereits am 27.5.2014 begannen Gudrun, Natasa und ich Aspekte rund um unseren Lesestoff von David J. Snowden  und Mary E. Bone sowie Paul Cilliers zur Complexity  Theory zu diskutieren (Link zu den Publikationen siehe Seitenende).

Natasa stellte gleich eine Verbindung zu unserer  Identität her: wie wir  Wissenschaft, unsere Arbeit, unser Leben “sehen” – also einfach, kompliziert, komplex oder chaotisch – hängt mit uns und unserer Identität  zusammen. Von unserem Hintergrund her haben wir unterschiedliche Zugänge zur Komplexität, Gudrun als Sprachwissenschafterin, Natasa als Psychologin, ich als Physikerin. Die Arbeit am ZML braucht eine interdisziplinäre Herangehensweise, gerade im Austausch mit den Lehrenden als unterschiedlichen Fachdisziplinen. Auf diese Weise wollen wir Komplexität zulassen, in der Hochschuldidaktischen Weiterbildung genau so wie im cope14-MOOC.

Am 9.7.2014 wurde unsere Runde durch Sylvia vergrößert, die als Erwachsenenbildnerin einen wissenschaftstheoretischen Ansatz in unsere Diskussion brachte. Basierend auf  dem von mir geäußerten Unbehagen, dass mathematisch klar definierbare chaotische Systeme in anderen  Wissenschaftsbereiche, etwa der Wirtschaft, viel weniger  klar definiert verwendet werden, legten wir drei Levels fest:

  • Metatheorien, die unabhängig sind von einer einzelnen Fachdisziplin und dadurch in mehreren Fachdisziplinen wirksam werden können,
  • Fachtheorien, Profession / Objekt / lokale Themen sowie
  • Handlungsebene und Alltagsverständnis: interdisziplinär und komplex!

Man könnte also sagen, dass die Chaostheorie als Fachtheorie Bausteine für eine Metatheorie enthält, die von anderen Fachdisziplinen, z.B. der Wirtschaft, für ihre eigenen Zwecke verändert werden können. Interessant fand ich, dass wir in unserem Austausch feststellten, dass Disziplinen wie Pädagogik oder Psychologie keine “Bausteine für Metatheorien” liefern. Ich bin mir unsicher, ob  das stimmt.

Dann widmeten wir uns der Diskussion komplexer Systeme. Paul Cilliers’ Artikel zählt einige Charakteristika von komplexen Systemen auf (S. 257):

  • Komplexe Systeme sind offen, sie befinden sich nicht im Gleichgewicht.
  • Sie bestehen aus vielen Komponenten.
  • Es gibt eine Vergangenheit – Zukunft – Beziehung: der “Output” einzelner Komponenten hängt von ihrem Input ab, einige dieser Input-Output-Beziehungen sind nicht linear.
  • Die Komponenten reagieren miteinander, dabei gibt es unterschiedliche Reaktionswege.
  • Das Verhalten komplexer Systeme resultiert aus der Interaktion ihrer Komponenten, und nicht aus Eigenschaften der Komponenten selbst – das nennt man manchmal “emergence”.
  • Asymmetrische Strukturen entstehen durch interne dynamische Prozesse komplexer Systeme.
  • Mehr als eine Beschreibung eines komplexen Systems sind möglich.

Die für emergent learning so wichtige Balanz zwischen Offenheit und Struktur ist auch für komplexe Systeme gültig: Cillier schreibt: Die Struktur eines komplexen Systems ermöglicht sein komplexes Verhalten. Ein komplexes System muss beschränkt sein und darf nicht zu viele Freiheitsgrade haben. Sonst verhält es sich beliebig (S. 258).

Wir “kennen” ein komplexes System nur im Rahmen eines bestimmten Ordnungssystems, das wir selbst gewählt haben. Unser Wissen über ein komplexes System ist immer provisorisch.(S. 259). Wir können komplexe “Dinge” nicht komplex verstehen (S. 263).

Gudrun meine, unsere Lernkultur, unser Bewusstsein ist so ein Ordnungssystem, mit dem wir auf einen komplexen Sachverhalt blicken. Wir müssen uns entscheiden, was wir betrachten und was nicht.

Die Footprints of emergence machen Komplexität sichtbar, meinen wir – wobei sie eine Momentaufnahme sind.

In der Spannung zwischen Offenheit und vorgeschriebenem System, wo im Zwischenraum emergent learning möglich wird, sehen wir unseren Spielraum für didaktische Gestaltung.

Lesestoff:

  • David J. Snowden und Mary E. Boone “A Leader’s Framework for Decision Making“, Harvard Business Review
  • Cilliers, P. (2005). Complexity, deconstruction and relativism. Theory, Culture and Society, 22(5), 255-267.
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